Die alte Geschichte
Alte Wunden heilen zu wollen, ist kein einfacher Weg.
Es bedeutet, die Geschichte zu Ende zu lesen:
Ich sollte verzeihen und endlich loslassen.
Doch bevor ich das kann, möchte ich verstehen,
was mich so sehr verletzt hat.
Denn dieses tiefe, schmerzende Gefühl
lebt trotz aller Stärke weiter in mir.
Es erinnert mich daran,
dass wahres Verzeihen nur dort beginnt,
wo wir bereit sind, loszulassen.
Es ist das Gefühl des unerwünschten, ungeliebten
und niemals wirklich verstandenen Werdens.
Es ist nicht mein Fehler, und dennoch trage ich seine Spuren.
Ich weiß, dass ich mich abwenden darf – in aller Härte und mit vollem Recht.
So schließe ich die Türen, die mich immer wieder in denselben Schmerz führen.
Denn hier, in dieser Geschichte, bin ich das Opfer.
Immer dieselbe Rolle, immer die alte Melodie.
Kein Anschluss, kein Platz, kein Gesehenwerden.
Manchmal scheint es, als würde sich diese Geschichte endlos wiederholen.
Und jedes Mal glaube ich, dadurch ein kleines bisschen stärker zu werden.
Diese Stärke trägt mich, sie schenkt mir Hoffnung
und öffnet Wege der Befreiung, die ich zuvor nicht sehen konnte.
Doch tatsächlich wiederholt sie sich nicht deswegen.
Sie wiederholt sich,
weil ich sie bisher noch nicht zu Ende gelesen habe.
Der fremde Mann
Eines Tages traf ich auf einen fremden Mann –
nichts Bedeutendes, nur ein Gespräch.
Doch sein Blick, dieser winzige Augenblick,
ließ mich all das Alte fühlen.
Das Hinabsehen.
Dieses Sich-größer-Machen.
Dann folgte die ungefragte Aneinanderreihung von Verbesserungsvorschlägen,
ein Aufzeigen vermeintlich fehlerhaften Verhaltens –
gepaart mit einer überheblichen Stimme
und einem belächelnden Blick.
All das kam von einem Menschen,
der mich gerade erst wenige Minuten zuvor kennengelernt hatte.
Wie konnte das sein?
Wie gelang es ihm, durch meine harte Stärke hindurchzudringen?
Plötzlich stand Er da –
in all meinen Gedanken und Gefühlen:
die Verkörperung meiner alten Wunden in Fleisch und Blut.
Sein Blick – und mein Moment des Fallens.
Der Moment des Falls
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.
Die Betontreppe hinter meinem Haus,
die dünne Luft
und der harte Aufprall auf der Kante.
Ich wollte frei sein – um jeden Preis.
Deshalb riss ich mich los, wohlweislich aus gutem Grunde.
Doch als ich fiel, war niemand da, der mich auffing.
Da war auch niemand, der mich lobte,
so wie er es immer tat, bevor ich mich befreite.
Es blieb nur ich – allein im Schmerz des Aufpralls,
nach dem Fall der Befreiung.
Seitdem wache ich über diesen Schmerz.
Mit aller Härte.
Sie ist mein Wächter, mein Schutz
und mein altes Recht darauf, gesehen und geliebt zu werden.
Und wehe dem, der dieses Recht in Frage stellt –
und sei es nur mit einem Blick.
Der Wächter Schmerz
Da steht sie vor mir: diese alte Energie,
in ihrer ganzen, unverblümten Form.
Seit der Begegnung mit dem fremden Mann
ist sie wieder spürbar – in jeder Zelle meines Körpers,
allen voran im Kopf.
Ich sollte verzeihen.
Ich sollte mich endlich davon befreien –
mir, ihm, uns.
Denn ich bin müde davon.
Diese Wunde plagt mich und nährt sich von meiner Härte.
Schon so viele Erfahrungen
wurden durch diese alte Verletzung geprägt.
Es ist genug.
Ich wünsche mir Heilung,
weil ich müde bin.
Das Thema des Nicht-gesehen-Werdens,
des Nicht-geliebt- und Klein-gehalten-Werdens,
scheint groß zu sein – mächtig, tief und schwer.
Vielleicht liegt das in der Natur des Themas
und in der Tiefe meiner Speicherung.
Ich bin nicht klein.
Aber ich bin erschöpft davon, stark zu sein.
Erschöpft von dem Gefühl,
stark sein zu müssen, um gesehen zu werden.
Die Mauer und ihre Weisheit
Ich traue diesen rohen, ungeheilten Ort in mir
noch nicht einmal mir selbst zu –
geschweige denn jemand anderem da draußen.
Ich habe Mauern gebaut – hoch, fest, undurchdringlich –,
so dass kein Licht mehr durchscheint.
Dadurch blieb ich, was ich zu sein glaubte:
das kleine Opfer im Käfig seiner alten Geschichte.
Doch manchmal, wenn ein Mensch mir begegnet
mit dieser klaren, männlichen Energie,
reißt etwas in mir auf.
Dann werde ich unsicher und klein,
hörig, still und unwissend.
Sobald die Begegnung endet,
kehrt die Härte zurück – mein alter Schutz.
Dieser Mensch ist herablassend.
Denn ich weiß, dass ich mich nicht so behandeln lassen muss.
Ich darf mich durch Abstand schützen.
Aber Heute erkannte ich,
dass es nicht dieser Mensch ist,
der mich herablassend behandelt.
Es ist der alte Fall –
die alte Verletzung, die noch in mir lebt.
Und es ist mein Müde-Sein davon,
mit aller Härte gesehen zu werden.
Das Aufstehen
Damals fiel ich,
weil ich aufstehen lernen wollte.
Ich wollte wissen,
wie es sich anfühlt, mich selbst zu halten.
Ich fiel,
ohne zu wissen, wie das geht.
Ich traute mich, weil ich nicht klein bin.
Und weil ich kein Opfer bin.
Ich bin die Schreiberin meines Buches
und die Leserin zugleich.
Deshalb lese ich erneut
die vielen Seiten all der Jahre seit dem Fall.
Es war ein Weg, der durch das Dunkle führte,
bis das Licht lange genug blieb,
um die dicke, rohe Mauer sichtbar zu machen –
urteilsfrei, ohne Vorwurf, ohne Belehrung.
Da steht sie vor mir – ein beeindruckendes Bauwerk in seiner ganzen Größe.
Ich staune über die viele Arbeit,
die ihr Aufbau wohl erforderte.
Ich spüre Erfüllung,
weil ich erkennen kann, dass ich fähig bin,
ein solches Bauwerk zu errichten,
um mich selbst zu schützen.
Ja, ich danke mir dafür.
Denn es braucht nicht viel, um zu erkennen,
dass diese selbständige Errichtung
eine Fülle von Erfahrungen mit sich brachte,
deren Weisheiten nun tief in meinem ganzen System verankert sind.
Wohl war dies ein langer, steiniger Weg.
Doch jetzt ist es Zeit, ihn zu verlassen –
in der Erfüllung darüber, ihn gegangen zu sein.
So lade ich die Trauer des Abschieds zu mir ein
und lasse sie ihre Arbeit tun,
damit meine Tränen allen Schmerz aus meinen Zellen spülen,
während ich mich von ihr tragen lasse.
Ich verabschiede diesen Weg und sein Bauwerk
mit dem Wissen,
dass mich das Laufen und das Bauen stärker machten,
als ich glaubte, sein zu müssen,
um gesehen zu werden.
Ich danke.
Ich verzeihe.
Ich befreie. ✨
Und du?
Vielleicht, liebe Menschenseele,
erkennst du dich hier wieder.
Erkennst diesen Knoten in der Brust,
der Schmerz und Stolz zugleich ist.
Vielleicht weißt du, wie es sich anfühlt,
wenn Verzeihen noch zu weit weg scheint.
Dann atme.
Sei sanft mit dir.
Behandle dich liebevoll.
Lass es dauern.
Denn Heilung hat keinen Zeitplan und keine Eile.
Wenn du bereit bist,
wird sie da sein –
still, leuchtend,
wie ein warmer Wind, der dich umhüllt
und in der Mitte deines Herzens spricht:
„Das war kein Fall – es ist dein Aufstehen.“
✨
Mit Licht & Dankbarkeit
Rona Sabina Stiefel
